Auch dieser Rundgang bringt kein vollständiges Bild, sondern trägt nur Mosaik-Steine zusammen.
Wir dokumentieren in 3 Teil-Videos den vollständigen Rundgang. Für einen Kurzüberblick über spannende und wichtige Abschnitte des Rundgangs gibt es eine kompakte Video-Version.
Der Rundgang durch den Ort Bełżec fand am Dienstag, 23. September 2025, vormittags statt.
Rundgang Bełżec kompakt: https://vimeo.com/1156836251
Stichpunkte:
0:00 Bäckerei
1:33 Wodka-Handel
3:13 Leiter der Bahnstation Bełżec, Reichsoberinspektor Rudolf Göckel
6:35 Lokschuppen und Zwangsarbeit
10:10 Rudolf Reder, Chemiker und Seifenfabrikant, Überlebender von Bełżec
14:14 Auflösung des Lagers im Juni 1943, letzte Gefangene nach Sobibor [Rache]
In allen Rundgängen bekommen Menschen, die damals würde- und namenlos ermordet wurden, ihre Biografie zurück, werden lebendig, sofern Erzählungen anderer überliefert sind – ansonsten ist die Leitung des Mordlagers Bełżec äußerst gründlich mit der Vernichtung aller Beweise umgegangen, nicht nur bei Dokumenten, sondern auch bei Einrichtungen und Bauten. Das gesamte Lager wurde bereits 1943 dem Erdboden gleichgemacht.
Teil 1: Trawniki-Männer und Zwangsarbeit
Die erste, die mit Namen genannt wird: Es gelang Erna Klinger, einer jüdischen Kommunistin, aus dem Deportationszug von Drohobycz nach Bełżec zu springen, 84 km vor Bełżec. Es gibt auch eine Zeugenaussage von Maria Daniel: Sie hat gesehen, wie die Deutschen 1942 in Autos „Zigeuner“ ins Lager Belzec brachten.
Ein weiterer Standort auf dem Rundgang ist ein Stelen-Denkmal, das 2012 auf Initiative der Gedenkstätte Bełżec errichtet wurde. Im Ansatz dargestellt ist eine Straße, Metapher für menschliches Leben.
Aus heutiger Sicht muss auch Kritik an der Täter-Sprache geübt werden: Sie sollte die Mord- und Leichen-Verbrennungs-Vorgänge verschleiern, die Täter entlasten, Opfer in ihren letzten Stunden noch demütigen.
Nach ihrer „Arbeit“ führten die Trawniki ein passables Leben: Sie trafen sich in einer speziellen Kneipe, sie protzten mit erbeuteten Uhren und anderen Wertgegenständen. Die Trawniki waren teils mehr gefürchtet als die deutschen Täter, wegen ihrer Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit und Mordlust gegenüber ihren Opfern.
Die ersten Trawniki-Männer trafen Mitte November 1941 in Bełżec ein, zunächst nur 14, um das Gelände für das Mordlager zu roden, erste Gruben für Massengräber auszuheben, das Lager vor Einblicken zu schützen und zu tarnen. Im März 1942 kam dann die erste reguläre Wachmannschaft, bestehend aus 60 bis 80 Männern, nach Bełżec. Im Vollbetrieb 1942/43 waren es 220 bis 250 Männer, gleichzeitig ca. 120.
Falls nach 1945 einige der ehemaligen Trawniki in der SU repatriiert wurden, bekamen sie später in „Geheimverfahren“ Urteile mit langen Haftstrafen. Fast alle wurden jedoch in einer Amnestie 1955/56 freigelassen. In den 1960er Jahre nahm der KGB einige Verfahren in Bezug auf Bełżec wieder auf, 65 wurden verurteilt, 19 erhielten die Todesstrafe.
Dokumentiert wird auch Leben und Arbeiten des Trawniki-Mannes Samuel Kunz in der Bundesrepublik, der zwar von der Justiz nicht unbehelligt blieb, sich aber bis zu seinem Tode im November 2010 vor keinem Gericht verantworten musste.
Video Rundgang 1
https://vimeo.com/1150304204
Teil 2: Bewohner von Bełżec: Zeugen und Beteiligte
Am Rande von Bełżec gab es eine Wäscherei, in der die abgelegte Kleidung der Juden gereinigt wurde. Es passierte eines Tages, das ankommende Juden nicht aus den Waggons aussteigen wollten, um in den Duschraum gehen. Es entwickelte sich eine Schießerei, wobei ein Junge im Chaos entkam, in die Wäscherei flüchtete. Die Wäscherinnen gaben ihm zu essen, aber aus Angst vor den Deutschen schickten sie ihn weg. Er floh weiter in Richtung Lublin nach Tomaszow.
Eine Bewohnerin von Bełżec, Maria Daniel (aus Teil 1 bekannt) berichtete nach dem Krieg: „Man hörte aus den Waggons Wehklagen, Schreie und Rufe nach Wasser und Rettung. Es waren jüdische Menschen, vom Neugeborenen bis hin zu Greisen. Die Bewohner von Bełżec mussten das Sterben der Juden direkt miterleben. Auch andere ortsansässige Zeugen berichteten von entsetzlichen Szenen und lauten Schreien aus den Waggons heraus.
In Bełżec gab es eine Bäckerei, die – als die Transporte häufiger und dann regelmäßig fuhren – auf Anordnung des Kommandanten des Lagers 100 bis 120 kg Brot täglich backen musste, etwa 1 Jahr lang. Zutaten wurden gestellt, es wurden 80 Groschen für das Kilo ausgezahlt. Das Beispiel dieser Bäckerei in Bełżec offenbart die zweite Seite des Städtchens und seiner Bewohner: Zum einen sind sie Zeugen des Massenmords vor ihrer Haustür geworden, zum anderen wurden sie zu gleichgültigen Profiteuren der Mordmaschinerie vor Ort.
Viele Handwerker aus dem Ort erledigten Arbeiten im Lager und seiner Umgebung und machten so ihre Geschäfte: „Während das Lager existierte, handelte ich mit Wodka, viele Wachmänner kamen in meine Wohnung und tranken Wodka. Manche nahmen auch Wodka mit; so kannte ich viele Wachmänner. Übrigens interessierte mich nur mein Verdienst: Ich zahlte für einen Liter Wodka 60 Zloty und verkaufte für 200 Zloty.“ Auch die Zahnärztin Esther Goldring verkaufte Schnaps an Trawniki-Männer, im Rahmen einer Zahnbehandlung. Bezahlt wurde mit Geld, Uhren und anderen Kostbarkeiten aus dem Lager.
Gerd Beilstein, Angehöriger des Essener Reserve-Polizeibataillons 67 *, beschreibt, wie sie einen Zug zum Lager Bełżec begleiteten: „Der Zug wurde ins Lager geschoben, wir blieben mit der Lok draußen vor dem Lager. Nach einiger Zeit kam der Zug gereinigt und ausgespritzt wieder heraus und wir fuhren mit dem leeren Zug zurück.“ [Zur Beschreibung dieses Vorgangs benutzt Beilstein 1963 in den juristischen Vorverfahren diese („begleiten“) und andere verharmlosende Worte.]
Der Lokführer Rudolf Göckel übernahm ankommende Züge und fuhr sie den kurzen Weg ins Lager. Zu seiner Person und Funktion erzählt der Rundgang: Reichsoberinspektor Rudolf Göckel, geboren 1887, kam aus Eisenach, er leitete ab Juli 1941 die Bahnstation Bełżec. Es gab etwa 40 weitere, auch polnische Bahnangestellte, Göckel war ihr Chef, der Verbindungsmann zwischen Bahnstation und dem Mordlager, er fuhr mit polnischem Gehilfen die Züge in das Lager.
1942 kamen so viele Züge an, dass Göckel von seinen Funktionen als Bahnhofsvorsteher entbunden wurde und nur noch für die Transporte in das Lager zuständig war. Als Bahn-Obersekretär wurde er 1947 nach Polen ausgeliefert, jedoch nach 2 Tagen Verhandlung freigesprochen. 1948 musste er nochmal 1 Jahr ins Gefängnis. 1950 ging er zurück nach Eisenach (DDR), übersiedelte irgendwann in den Westen. 1965 starb er in der Nähe von Stuttgart.
Im Bereich des Lokschuppens in unmittelbarer Nähe des Mordlagers Bełżec befand sich ein Zwangsarbeitslager, mit einer Werkstatt im großen Raum des Lokschuppens, in dem normalerweise Lokomotiven gewartet, für Einsätze vorgeheizt werden. Darin befand sich eine Werkstatt, in der „ein Deutscher“ Spezial-Aufträge für das Lager ausführte, u.a. wurden hier Metall-Rohre zusammengefügt, auch das Endrohrstück für den Gasaustritt, das in der Gaskammer montiert war.
Vor allen Dingen wurde im Lokschuppen Kleidung sortiert und durchsucht auf Wertgegenstände, dafür wurden die Nähte aufgetrennt. Die Fundstücke wurden in Listen eingetragen. Die SS beaufsichtigte das Geschehen und sollen sich bereichert haben – da sie aber auch Zugang zu anderen Sammlungen von Wertgegenständen gehabt haben, ist aus heutiger Sicht zu fragen, ob die SS eine zusätzliche Bereicherung überhaupt nötig hatte.
In den Jahrzehnten nach 1945 ist das Lokschuppen-Gebäude immer mehr verfallen. Die Gedenkstätte hat bis heute nicht vorgehabt, den Lokschuppen ins Museum mit einzubeziehen.
Für die Arbeitsprozesse im Mordlager benötigte man arbeitsfähige Menschen, die man aus den ankommenden Transporten ausgewählt hat – in der Anfangszeit zog man mehr Menschen ab, brauchte man sie nicht mehr, wurden sie ermordet. Später zeigte sich, dass es „effektiver“ im Sinne des Mordlagers war, ständige Arbeitskommandos einzurichten.
Eine wichtige Unterscheidung zwischen den Mordlagern der „Aktion Reinhardt“ und sonstigen Lagern, z. B. Auschwitz, war die Trennung zwischen den Lagerteilen, mindestens durch Stacheldraht, und den entsprechenden Gefangenen-Gruppen. Im Oberlager, dem eigentlichen Tötungsbereich, waren die Bedingungen für diese Gefangenen-Gruppe extrem schlecht: „Sie bekamen beinahe kein Essen, sie wurden gezwungen, viel und schnell zu arbeiten, sie bewegten sich nur rennend fort, wegen jeder Kleinigkeit wurden sie ausgepeitscht oder erschossen. Diese Menschen hielten nicht lange aus, ihre Kräfte waren schnell erschöpft; sie wurden schwach, sobald ein Mensch schwach wurde, wurde er erschossen,“ sagte ein Trawniki-Mann nach der Befreiung. Es sollte schließlich kein Mensch aus diesem Lagerteil herauskommen.
Im unteren Lager gab es ein „Bahnhofskommando“, das die Ankommenden aus den Zügen herausholen, die Züge reinigen musste. Es gab Werkstätten, die „Frisöre“ mussten den bereits nackten Frauen die Haare in Sekunden abschneiden. Hier waren auch viele Zwangsarbeiter, die außerhalb des Lagers arbeiten mussten, untergebracht – anders als in Sobibor und Treblinka.
Von Dezember 42 bis Juni 1943 wurde das Lager aufgelöst. Den letzten Gefangenen wurde versprochen, dass sie in ein Arbeitslager nach Deutschland gebracht werden, am 27. Juni 1943 – der Zug fuhr allerdings nach Sobibor.
* Zu einem Bericht von den Recherchen zur Geschichte des Essener „Reserve-Polizeibataillons 67“, das auch im Raum Bełżec tätig war:
https://www.yadvashem.org/de/education/newsletter/5/police-battalion-67.html
Video Rundgang 2
https://vimeo.com/1156823982
Teil 3: Bekannte Überlebende des Mordlagers Bełżec
Das Video 3 des Rundgangs ist den drei namentlich bekannten Überlebenden von Bełżec gewidmet, von denen aber nur der erstgenannte, Rudolf Reder, vieles an auch schriftlichen Zeugnissen hinterlassen hat.
Rudolf Reder wurde 1881 in Lemberg geboren. Er war Chemiker und betrieb eine Seifenfabrik. Am 16.8.1942 wurde er nach Bełżec verschleppt und dort 4 Monate zur Beseitigung der Leichen eingesetzt. Im November 1942 gelang ihm die Flucht in Lemberg, wo er unter Bewachung Bleche für das Lager besorgen sollte. In der Mittagspause schlief sein einzig verbliebener Bewacher ein – diese Chance ließ sich Rudolf nicht entgehen und suchte seine frühere Haushälterin auf, die ihn bis zur Befreiung versteckte. Nach 1945 hat sich Rudolf Reder für viele historische Kommissionen, Foren und Buchveröffentlichungen als Zeitzeuge zur Verfügung gestellt. Er verstarb am 8. Oktober 1977 in Toronto.
Chaim Hirszman, geboren 1912, war Klempner und Mitglied im kommunistischen Jugendverband. Am 2.11.1942 wurde er nach Bełżec gebracht und von dort am 27. Juni 1943 auf den Zug der letzten Gefangenen nach Sobibor gesetzt, aus dem ihm die Flucht gelang. Er schloss sich der Volksarmee an. Am 19. März 1946 machte er seine Aussagen über das Mordlager Bełżec vor dem örtlichen jüdischen Geschichtskomitee in Lublin. Wenige Stunden nach dieser ersten Aussage wurde Chaim Hirszman in seiner Wohnung von „Antikommunisten“ erschossen.
Israel Spira wurde 1889 geboren. Er wurde Rabbiner und zog mit Beginn den Zweiten Weltkrieges nach Lemberg, wo er bald eine große chassidische Anhängerschaft hatte. Im Oktober 1942 wurde er mit seiner Frau Perel in das Mordlager Bełżec verschleppt. Als er einen Zug mit Kleidung der Ermordeten zum Zwangsarbeitslager Janowska-Strasse nach Lemberg begleiten musste, konnte er in der Masse der Zwangsarbeiter untertauchen. Als Spira eines Tages bei Einbruch der Dunkelheit mit seiner Arbeitskolonne zurück zum Janowska-Lager marschierte, gelang ihm die Flucht. Später wurde er wieder gefasst und im Juni 1943 nach Bergen-Belsen deportiert – er war im Besitz eines südamerikanischen Passes.
Am 13. April 1945 wurde er in einem Todeszug auf freiem Feld befreit. 1946 emigrierte er in die USA und lebte in New York, wo er fast 100-jährig am 10. Oktober 1998 verstarb. Israel Spira hat über seine Zeit in Bełżec nichts schriftlich mitgeteilt und auch sonst keine direkten Aussagen gemacht.
Video 3
https://vimeo.com/1157109073
Übersicht über die Videos zum Rundgang um das Lager Bełżec
Video Rundgang Bełżec Kompakt
https://vimeo.com/1156836251
Video 1: Trawniki-Männer und Zwangsarbeit
https://vimeo.com/1150304204
Video 2: Bewohner von Bełżec: Zeugen und Beteiligte
https://vimeo.com/1156823982
Video 3: Bekannte Überlebende des Mordlagers Bełżec
https://vimeo.com/1157109073